Landsmannschaft der Donauschwaben Rastatt
Landsmannschaft der Donauschwaben Rastatt

 DER LANGE WEG ZURÜCK

von Lisa Flassak

Viele Donauschwaben, die heut ein Rastatt leben, hatten in ihrer Kindheit und Jugend, sowie in den Jahren des Aufbaus, ein schweres Schicksal zu erdulden, das sie geprägt hat und das sie nie vergessen werden. Die waren heimatlos geworden!

Niemand von Ihnen ahnte wie es weiter gehen sollte, ohne die bisherige Geborgenheit des Elternhauses, der Familie und des Heimatdorfes. Einem Teil von ihnen gelang noch in letzter Stunde die Flucht vor der anstürmenden russischen Armee. Viele aber mußten zurückbleiben. Sie wurden als Zwangsarbeiter in die unbebauten Steppengebiete der Kohlegruben Rußlands deportiert. Zehntausende aber wurden nach ihrer Enteignung der Freiheit beraubt und in Internierungs- bzw. Vernichtungslager überführt. Sie hatten während dieser Jahre der Unfreiheit Schreckliches zu erdulden, bis schließlich ein großer Teil von ihnen den Hungertod starb. Ihrer soll an dieser Stelle in Ehrfurcht gedacht werden!

Nur wenigen war das Glück beschieden, jene schreckliche Zeit unbeschadet zu überleben.

Das bedeutete dem Tod entgangen zu sein, um dann den weiten, unbekannten und gefahrvollen Weg, über Grenzen und Länder hinweg, als Flüchtling antreten zu müssen.

Dabei tauchten unausweichlich zwei Probleme auf. Zunächst waren sie unterwegs auf der Flucht vor ihren Verfolgern und gleichzeitig auf der Suche um Verständnis für ein ihnen zu Unrecht aufgebürdetes Schicksal bei Menschen, denen dieses Los erspart geblieben war.

Aber wieviel Verständnis konnten sie damals von ihnen erwarten? Hungernd, zerlumpt und bettelnd mußten sie als Illegale nächtliche Grenzgänger in monatelangen Fußmärschen fremde Länder heimlich durchqueren und waren so Freiwild für jedermann.

Das erste freie und deutschsprachige Land, in dem die aus dem Südosten ankommenden Flüchtlinge eintrafen, war Österreich. Dort waren um jene Zeit alle Flüchtlingslager überfüllt und es hieß daher überall:

      „Aufnahmesperre"!

Nur bei den Bauern gab es noch Unterkunft und Arbeit – und damit die zum Überleben notwendige Lebensmittelkarte.

Die Flucht war zu Ende. Die Angst vor Verfolgung und Obdachlosigkeit verlor allmählich ihren Schrecken, und das so mühsam gerettete Leben bekam wieder einen Sinn.

Überaus glücklich konnten sich jene schätzen, die Aufnahme in einem der vielen Barackenlager – eine Hinterlassenschaft des „3. Reiches" – fanden. Oft mußten dort zwei bis drei Familien in einem normalen Wohnraum zusammenleben. Aber auch unter diesen bescheidensten Bedingungen waren sie dankbar, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben.

In Haid, dem wohl größten Barackenlager Österreichs, lebten zeitweilig bis zu 5.000 heimatlose Menschen in den etwa 150 armseligen Baracken. Teilweise waren sie 10 und mehr Jahre dort, im Sommer der brütenden Hitze und im Winter dem eisigen Frost ausgesetzt.

Ein Anfang, der nicht leicht fiel, war gemacht. Aber früher oder später gelang es allen, diese erste Zufluchtsstätte, Österreich, zu verlassen, sich eine neue, endgültige Heimat zu schaffen und eine gesicherte Existenz aufzubauen. Mit Hilfe kirchlicher, staatlicher und anderer Organisationen, die sich immer mehr der Heimatvertriebenen annahmen, traten sie den Weg in die Länder ihrer Wahl an; in die Bundesrepublik, nach Frankreich, in die USA, nach Kanada, Argentinien, Brasilien, sogar bis Australien und noch in viele andere mehr.

Auch in Rastatt wurde ein Auswanderungsbüro von Emerich Reitter und Ferri Buding gegründet. Gemeinsam mit den französischen Streitkräften und dem Bürgermeister von Colmar bemühte man sich, die in österreichischen Auffanglagern lebenden Flüchtlinge elsaß-lothringischer Herkunft nach Frankreich zu übersiedeln. 1949 wurde der erste Transport mit 500 Flüchtlingen über Rastatt nach Frankreich abgewickelt. In Colmar empfing diese ersten „Rückkehrer" eine Begrüßungsfeier der Stadtverwaltung. Diesem Transport folgten sehr bald weitere nach.

Die ersten Flüchtlinge in Rastatt

Im Frühjahr 1946 trafen auch in Rastatt die ersten Flüchtlinge, damals „Personnes Depalacé" genannt, in der Lützowerstraße ein. Nach den vorhandenen Unterlagen waren dies: Dr. Hans Frank, Dr. Josef Reitter, Dr. Franz Buding, Nikolaus Schneider, Franz Kohl, Michael Frank und Hans Kutschera.

Die schöne Barockstadt Rastatt mit ihren geräumig angelegten Straßen, Plätzen und Wohnungsgrundstücken wurde bald zum Anziehungspunkt vieler Flüchtlinge, die in ihrer Heimat unter landschaftlich ähnlichen Verhältnissen lebten.

Die Zahl der Neuankömmlinge, die sich mit den schwierigen Verhältnissen kaum zurechtfinden konnten, wuchs ständig. Es war dringend notwendig diesen Personen zu helfen und ihnen beizustehen. Die Konsequenz war, daß man sich langsam zu organisieren begann. Landsmannschaften aus den verschiedenen Vertreibungsländern wurden gegründet, die auch auf politischer Ebene die Interessen der Heimatvertriebenen vertreten und wahren konnten. Sie arbeiten, wie auch die anderen politischen Gruppierungen, auf Bundes-, Landes-, Kreis- und Ortsebene.

In Rastatt wurde 1949 der erste Ortsverband gegründet. Hans Berdon wurde zum ersten Vorsitzenden des Ortsverbandes gewählt und Dr. Franz Paulous zum Vorsitzenden des Bezirksverbandes.

Nach alten Aufzeichnungen kann man feststellen, daß sich gleich bei der Gründung des Ortsverbandes 30 Mitglieder eintragen ließen. Die Mitgliederzahl stieg aber so rasch an, so daß jeden Montag Sprechstunden abgehalten werden mußten. Es waren die unterschiedlichsten, oft sehr komplizierten und umfangreichen Formulare und Anträge zu erläutern und auszufüllen, womit die Ankommenden völlig überfordert waren.

Behördengänge mußten besprochen und die nötigen Hinweise gegeben werden. Damit man mit den Neuankömmlingen Kontakt aufnehmen konnte und um den stetig zunehmenden Andrang der Ratsuchenden bewältigen zu können, mußten schließlich auch die Sonntage für die Sprechstunden verwendet werden. So leisteten die gewählten Vertreter viele aufopferungsvolle Stunden, um den Neuankömmlingen eine reibungslose Heimatnahme zu ermöglichen.

Josef Schiefer, szt. Bezirksvorsitzender der Landsmannschaft des ehemaligen Regierungsbezirkes Südbaden, wurde als Würdigung seiner Verdienste um die Heimatvertriebenen 1974 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Drei Jahre später erhielt auch unser leider viel zu früh verstorbene Landsmann, Franz Balthasar, diese hohe Auszeichnung für Verdienste um seine in Not geratenen Landsleute im Banat.

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© Heinrich Roth